Das persönliche Tarot
Das persönliche Tarot – Deine ganz eigene Praxis entwickeln
Tarot ist kein System, das man lernt und dann anwendet wie ein Rezept. Es ist eine lebendige, wachsende Beziehung – zwischen dir und den Karten, zwischen deinem Bewusstsein und deiner Intuition, zwischen dem, was du weisst, und dem, was du noch nicht weisst. Das persönliche Tarot ist deshalb so viel mehr als das Auswendiglernen von Kartenbedeutungen.
Auf dieser Seite geht es darum, wie du eine Tarot-Praxis aufbaust, die wirklich zu dir passt – zu deinem Lebensrhythmus, deiner Persönlichkeit, deinen Fragen und deiner spirituellen Reise. Denn das schönste Tarot-Deck nützt wenig, wenn es ungeöffnet im Regal steht. Was zählt, ist die regelmässige, liebevolle Auseinandersetzung mit den Karten.
Ich teile hier Wege, Übungen und persönliche Erkenntnisse, die mir geholfen haben, meine eigene Tarot-Praxis aufzubauen. Manche davon werden dich sofort ansprechen, andere vielleicht erst später. Nimm, was dir nützt – und lass den Rest.
Deine Seelenkarte – Die Karte, die dein Wesen spiegelt
Die Seelenkarte (auch Schicksalskarte oder Geburtstarotskarte genannt) ist eine Karte der Grossen Arkana, die sich aus deinem vollständigen Geburtsdatum errechnet. Sie zeigt die tiefsten Qualitäten deiner Seele, deine Lebensaufgabe und die Energie, mit der du in diese Welt gekommen bist.
So berechnest du deine Seelenkarte
Addiere alle Ziffern deines Geburtsdatums (Tag + Monat + Jahr) zu einer einzigen Zahl. Liegt das Ergebnis zwischen 1 und 22, ist das deine Seelenkarte. Liegt es über 22, addiere die beiden Ziffern der Zahl erneut. Die Zahl entspricht einer Karte der Grossen Arkana (1 = Der Magier, 2 = Die Hohepriesterin usw., 0 = Der Narr für die Zahl 22).
Beispiel: Geburtsdatum 15. März 1988 ergibt 1+5+0+3+1+9+8+8 = 35, dann 3+5 = 8. Die Seelenkarte wäre damit Karte VIII – Die Kraft. Diese Person bringt die Energie der inneren Stärke, der sanften Beherrschung und des mutigen Herzens in ihr Leben mit.
Die Seelenkarte ist kein Urteil und kein Schicksal – sie ist eine Einladung. Sie zeigt, welche Qualitäten in dir angelegt sind und welche Themen dich durch das Leben begleiten werden. Manchmal spürst du sofort: "Ja, das bin ich." Manchmal braucht es Zeit, bis du die Tiefe dieser Karte in dir erkennst.
Deine persönliche Jahreskarte – Der Rhythmus deines Lebens
Neben der unveränderlichen Seelenkarte gibt es die persönliche Jahreskarte, die sich jedes Jahr neu ergibt. Sie zeigt das übergeordnete Thema und die Energie, die dich in einem bestimmten Lebensjahr begleiten – vom Geburtstag bis zum nächsten Geburtstag.
So berechnest du deine Jahreskarte
Addiere deinen Geburtstag und Geburtsmonat mit dem aktuellen Jahr (nicht deinem Geburtsjahr). Reduziere das Ergebnis auf eine Zahl zwischen 1 und 22. Das Ergebnis ist deine Jahreskarte.
Beispiel: Geburtstag 15. März, aktuelles Jahr 2025 ergibt 1+5+0+3+2+0+2+5 = 18. Die Jahreskarte wäre XVIII – Der Mond. Ein Jahr der Intuition, der verborgenen Prozesse, des Unterbewussten – und der Einladung, den eigenen inneren Stimmen mehr zu vertrauen.
Die Jahreskarte ist ein wundervolles Werkzeug zur Jahresplanung und Selbstreflexion. Schaue zu Beginn eines neuen Lebensjahres auf deine Jahreskarte: Was ist die Einladung dieser Karte? Welche Qualitäten möchte sie in dir stärken? Und am Ende des Jahres: Wie hat sich die Energie dieser Karte tatsächlich in deinem Leben gezeigt?
Die Schutzkarte – Deine persönliche Begleiterin
Eine weniger bekannte, aber wunderschöne Praxis ist die Arbeit mit einer persönlichen Schutzkarte. Das ist eine Karte, die du bewusst als Begleiterin für einen bestimmten Zeitraum wählst – nicht zufällig, sondern absichtlich. Du wählst sie, weil du die Qualität dieser Karte in dein Leben einladen möchtest.
Vielleicht gehst du durch eine Phase, in der du mehr Mut brauchst – dann wählst du Die Kraft oder Den Wagen. Vielleicht suchst du Stille und innere Einkehr – dann wählst du Den Eremiten. Vielleicht möchtest du mehr Freude und Leichtigkeit – dann wählst du Die Sonne.
Lege die Schutzkarte sichtbar auf deinen Schreibtisch, an deinen Spiegel oder neben dein Bett. Schaue sie täglich an. Lass sie dich erinnern, welche Energie du gerade kultivieren möchtest. Diese Praxis ist einfach und gleichzeitig erstaunlich wirkungsvoll.
Du kannst auch eine Schutzkarte für ein wichtiges Projekt, eine Reise oder eine schwierige Lebensphase wählen. Die Karte wird zum Symbol für deine Absicht und zur täglichen Erinnerung an das, was dir gerade wirklich wichtig ist.
Das Tarot-Tagebuch – Dein persönliches Buch der Weisheit
Das Tarot-Tagebuch ist eines der wertvollsten Werkzeuge für alle, die Tarot ernsthaft erlernen und vertiefen möchten. Es ist dein persönliches Buch der Erkenntnisse – ein Ort, an dem du deine Legungen, Gedanken, Intuitionen und Entwicklungen festhältst.
Im Laufe der Zeit wird dein Tarot-Tagebuch zu einem einzigartigen Dokument: Du siehst, wie du dich verändert hast, welche Karten immer wieder auftauchen, welche Interpretationen sich bestätigt haben und welche sich als persönliche Projektionen herausgestellt haben. Kein Tarot-Buch der Welt kann dir das geben – denn es ist deine Geschichte.
Was gehört in ein Tarot-Tagebuch?
- Datum und aktuelle Lebenssituation: In welcher Phase befindest du dich gerade? Was bewegt dich?
- Die Frage: Was hast du die Karten gefragt? So präzise wie möglich formuliert.
- Das Legesystem: Welche Legung hast du verwendet? Welche Karte stand an welcher Position?
- Erste Intuition: Was war dein erster Eindruck, bevor du ins Buch geschaut hast? Welche Gefühle, Bilder oder Worte kamen spontan?
- Interpretation: Wie deutest du die Karten im Kontext deiner Frage und deiner Situation?
- Besondere Symbole: Welches Detail auf einer Karte hat deine Aufmerksamkeit besonders angezogen? Warum?
- Rückblick: Nach einigen Wochen oder Monaten – wie hat sich die Legung in deinem Leben gespiegelt? Was hat sich bestätigt, was hat dich überrascht?
- Kartenzeichnungen oder Skizzen: Manche Menschen zeichnen die Karten nach – das vertieft die Verbindung zur Symbolik enorm.
Welches Format wählen?
Es gibt kein richtiges Format. Manche schwören auf ein schönes, gebundenes Notizbuch. Andere nutzen ein digitales Dokument oder eine App. Wichtig ist nur: Es sollte ein Ort sein, an dem du dich wohl fühlst und an den du gerne zurückkehrst. Wenn du ein physisches Tagebuch bevorzugst, wähle eines, das sich wertvoll anfühlt – du wirst viel Zeit damit verbringen.
Intuition entwickeln – Der Kern der persönlichen Tarot-Praxis
Viele Menschen beginnen mit Tarot und verlassen sich zunächst vollständig auf Bücher und vorgegebene Bedeutungen. Das ist ein guter Anfang – aber die wirkliche Tiefe des Tarots entfaltet sich erst, wenn du beginnst, deiner eigenen Intuition zu vertrauen.
Intuition ist keine mystische Gabe, die man hat oder nicht hat. Es ist eine Fähigkeit, die wie ein Muskel trainiert werden kann. Und Tarot ist eines der besten Trainingsgeräte dafür, das ich kenne.
Übungen zur Intuitionsentwicklung
- Die Blindlegung: Ziehe eine Karte und lege sie verdeckt hin. Bevor du sie umdrehst, halte die Hand über die Karte und spüre nach: Was kommt? Ein Gefühl, eine Farbe, ein Wort, ein Bild? Drehe die Karte erst dann um und vergleiche.
- Buchlos lesen: Schaue eine Karte an, ohne ins Buch zu schauen. Erzähle laut, was du siehst. Was geschieht auf dem Bild? Wie fühlt sich die Atmosphäre an? Was würde die Figur auf der Karte dir sagen?
- Der innere Dialog: Stell dir vor, du könntest mit der Figur auf der Karte sprechen. Was würdest du sie fragen? Was würde sie antworten? Schreibe den Dialog in dein Tagebuch.
- Körperscan: Halte eine Karte in der Hand, schliesse die Augen und spüre in deinen Körper. Wo spürst du etwas? Eine Wärme in der Brust, ein Ziehen im Bauch, eine Weitung in den Schultern? Dein Körper weiss oft mehr als dein Verstand.
- Tages-Rückblick: Ziehe morgens eine Karte ohne Frage. Abends schaust du auf den Tag zurück: Wo hat sich die Energie dieser Karte gezeigt – in einem Gespräch, einer Begegnung, einem Gefühl, einem Ereignis?
Deine persönlichen Kartenbedeutungen entwickeln
Jedes Tarot-Buch gibt dir eine Grundlage. Aber mit der Zeit wirst du merken: Bestimmte Karten sprechen dich immer wieder auf eine ganz bestimmte, persönliche Art an – unabhängig von dem, was im Buch steht.
Vielleicht bedeutet der Eremit für dich nicht nur "Rückzug", sondern konkret: "Hör auf das, was dein Körper dir sagt." Vielleicht sagt dir die Vier der Kelche nicht "Gleichgültigkeit", sondern: "Du bist gerade in einem kreativen Ruhezustand – das ist okay." Diese persönlichen Bedeutungserweiterungen sind Gold.
Ich empfehle dir, für jede Karte eine persönliche Notizseite in deinem Tagebuch anzulegen. Notiere darauf:
- Was fühle ich, wenn ich diese Karte sehe?
- Welches Symbol auf dieser Karte spricht mich am meisten an?
- In welchen Lebenssituationen ist mir diese Karte bisher erschienen?
- Was ist mein persönliches Schlüsselwort für diese Karte?
- Welche Botschaft hat mir diese Karte schon gegeben, die sich als wahr erwiesen hat?
Schutz, Ethik und Grenzen in der Tarot-Praxis
Mit wachsender Erfahrung kommen auch Fragen rund um Schutz, Ethik und persönliche Grenzen. Besonders wenn du beginnst, auch für andere Menschen Karten zu legen, sind diese Themen wichtig.
Schutz in der Tarot-Praxis
Viele erfahrene Tarot-Leser*innen praktizieren vor jeder Legung eine kurze Schutzübung – eine Atemübung, ein inneres Ritual, ein kurzes Gebet oder eine Erdungsübung. Das hat weniger mit dem Schutz vor äusseren Einflüssen zu tun, sondern damit, sich zu zentrieren, die eigene Energie zu klären und einen klaren, offenen Raum für die Karten zu schaffen.
Nach einer intensiven Legung – besonders wenn du für andere legst – kann es hilfreich sein, die Karten bewusst wegzulegen, einige tiefe Atemzüge zu nehmen und die eigene Energie wieder "zu sich zu holen". Schüttele die Hände aus, trinke ein Glas Wasser, mache einige Schritte – diese kleinen Gesten helfen, klare Grenzen zwischen dem Kartenraum und dem Alltagsbewusstsein zu ziehen.
Ethische Grundsätze beim Tarot-Legen
Wenn du für andere Menschen Karten legst – für Freunde, Familie oder Klientinnen und Klienten – gelten einige ethische Grundsätze, die ich für unverzichtbar halte:
- Nur mit Einwilligung: Lege nie Karten über eine Person, ohne dass diese Person zugestimmt hat. Das gilt auch für Beziehungslegungen, bei denen du eine dritte Person "einbeziehst".
- Keine absoluten Prophezeiungen: Formuliere Aussagen immer als Möglichkeiten, Tendenzen und Einladungen – nie als unausweichliche Wahrheiten. Tarot zeigt keine fixe Zukunft.
- Kein Ersatz für Fachberatung: Tarot ist kein Ersatz für medizinische, rechtliche oder psychologische Beratung. Weise bei Bedarf auf professionelle Unterstützung hin.
- Vertraulichkeit: Was in einer Tarot-Sitzung gesprochen wird, bleibt vertraulich – genauso wie bei einem Gespräch unter Freunden.
- Deine eigenen Grenzen kennen: Leg keine Karten, wenn du selbst emotional aufgewühlt, erschöpft oder stark in die Situation der anderen Person involviert bist. Deine eigene Klarheit ist die Grundlage jeder guten Legung.
Rituale und Routinen – Tarot als tägliche Praxis
Eine tiefe Tarot-Praxis entsteht nicht durch gelegentliche intensive Sessions, sondern durch regelmässige, liebevolle Beschäftigung mit den Karten. Kleine tägliche Rituale sind wirksamer als grosse monatliche Legungen.
Morgenritual
Jeden Morgen eine Karte ziehen ist vielleicht das einfachste und wirkungsvollste Tarot-Ritual überhaupt. Es dauert nur wenige Minuten und setzt den Ton für den Tag. Schaue die Karte an, notiere deinen ersten Eindruck und trage sie innerlich durch den Tag. Abends schaust du noch einmal: Wo hat sich die Energie der Karte in deinem Tag gezeigt?
Wochenreview
Am Ende jeder Woche – vielleicht sonntags – blätterst du durch dein Tagebuch und schaust auf die Tageskarten der letzten sieben Tage. Gibt es ein Muster? Eine Karte, die sich wiederholt hat? Eine Farbe, die dominiert? Dieser Überblick zeigt dir die übergeordneten Themen deiner Woche und schärft dein Gespür für die Karten enorm.
Saisonale Legungen
Viele Tarot-Praktizierende legen zu besonderen Zeitpunkten im Jahr eine grössere, rituelle Legung: zur Wintersonnenwende, zum Frühlingsbeginn, zum persönlichen Geburtstag oder zu den keltischen Jahresfesten wie Samhain, Imbolc, Beltane und Lughnasadh. Diese Legungen markieren wichtige Übergänge im Jahresrad und helfen, das eigene Leben in den grossen Rhythmen der Natur zu verankern.
Die Beziehung zu deinem Deck pflegen
Ein Tarot-Deck ist mehr als ein Stapel bedruckter Karten. Mit der Zeit entwickelt sich zwischen dir und deinem Deck eine Art Beziehung – du kennst die Eigenheiten der Karten, du weisst, welche Karten besonders oft erscheinen, und du hast gelernt, wie dieses spezifische Deck mit dir spricht.
Ein neues Deck kennenlernen
Wenn du ein neues Deck erhältst, nimm dir Zeit, es kennenzulernen. Schau dir jede einzelne Karte an – ohne Eile, ohne Interpretation. Lass die Bilder auf dich wirken. Welche Karte zieht dich sofort an? Welche löst Unbehagen aus? Welche überrascht dich?
Viele Tarot-Leser*innen befragen ein neues Deck mit einer kurzen Einstiegslegung: "Wer bist du? Was hast du mir zu zeigen? Was sind deine Stärken? Was sind deine Grenzen? Was erwartest du von mir?" Diese Legung schafft vom ersten Moment an eine bewusste Beziehung.
Pflege und Aufbewahrung
Wie du dein Deck aufbewahrst und pflegst, ist eine sehr persönliche Entscheidung. Manche bewahren ihre Karten in einem Seidenbeutel oder einer Holzbox auf, andere legen einen Kristall dazu. Was zählt, ist die Sorgfalt und Achtsamkeit, mit der du mit deinem Deck umgehst. Diese Haltung überträgt sich auf deine Legungen.
Verschiedene Wege mit Tarot – Finde deinen eigenen
Es gibt nicht den einen richtigen Weg, Tarot zu praktizieren. Die Tarot-Gemeinschaft ist vielfältig, und das ist ihre Stärke. Hier sind einige verschiedene Ansätze, die du erkunden kannst:
- Psychologischer Ansatz: Tarot als Werkzeug der Selbsterkenntnis und Tiefenpsychologie, ohne spirituelle Komponente. Besonders gut für Menschen, die Tarot rationaler angehen möchten.
- Spiritueller Ansatz: Tarot als Teil einer spirituellen Praxis, vielleicht in Verbindung mit Meditation, Astrologie oder anderen esoterischen Systemen.
- Kreativer Ansatz: Tarot als Inspirationsquelle für kreatives Schreiben, Kunst oder Musik. Die Bilder der Karten als Startpunkt für kreative Prozesse.
- Gemeinschaftlicher Ansatz: Tarot in Gruppen oder Zirkeln praktizieren, Karten gemeinsam lesen, Erfahrungen teilen und voneinander lernen.
- Intuitiver Ansatz: Sich vollständig auf die Intuition verlassen, ohne feste Bedeutungen oder Systeme. Die Karten als Spiegel des momentanen inneren Zustands.
Weiterführende Themen auf Amastria
Vertiefe dein Tarot-Wissen mit diesen Unterseiten:
- Grundlagen des Tarots – Dein Einstieg ins Tarot-System
- Die Grosse Arkana – Die 22 Karten und ihre Archetypen
- Die Kleine Arkana – Die 56 Karten des Alltags
- Symbole & Bildsprache – Die geheime Sprache der Tarotkarten
- Legesysteme – Von der 1-Karten-Legung bis zum Keltischen Kreuz
- Verschiedene Decks – Das richtige Deck für dich finden
- Tarot im Alltag – Tarot als tägliche Begleiterin
Dein persönliches Tarot ist wie ein Garten – es braucht regelmässige Pflege, Geduld und die Bereitschaft, sich von dem überraschen zu lassen, was wächst. Nicht du entscheidest allein, was blüht. Aber du bist die Gärtnerin – und das macht den Unterschied.